Die „Predigtulme" in Raesfeld-Homer

Frische Triebe aus verkohltem Stamm

Wehe dem, der sich am Holz der Predigtulme in Raesfeld-Homer bediente und damit den heimischen Kamin heizte: „Dann erschien eine große schwarze Dogge, legte sich auf das Feuer und wich nicht eher zurück, als bis das Holz oder wenigstens die Asche wieder unter den Baum niedergelegt war", heißt es in den Bramgau-Sagen. Diese und viele weitere Geschichten ranken sich um die Flatterulme, die bereits seit vielen 100 Jahren auf dem Hof Grunden, früher Rohring-Winkelschulte, in Homer steht. Das genaue Alter lässt sich nicht mehr feststellen – auch, weil der Baum vor rund 50 Jahren eine Katastrophe überstehen musste.

Am 16. Oktober 1959 brach auf dem Hof ein großer Brand aus, der auch die Ulme nicht verschonte. Wahrscheinlich war beim Dreschen in der Scheune ein Funken in die trockenen Garben gefallen. Wohnhaus und Scheune brannten fast völlig ab, und auch die Ulme konnte die Feuerwehr nicht schützen.

Die Hälfte des Baumes verbrannte, an ihr Überleben glaubte kaum jemand. Doch bereits im Frühling 1960 zeigten sich die ersten grünen Triebe – kurioserweise nur an der verkohlten Seite des Baumes. Die andere Hälfte mit zwei starken Stämmen starb ab.

Auch heute zeigt sich die Ulme trotz des Rückschlags durch den Brand sehr lebendig: „Aus den zwei verbliebenen knorrigen Stammstümpfen strebt Jahr für Jahr neues Grün hervor", berichtet Norbert Stuff vom Fachbereich Natur und Umwelt des Kreises Borken.

„Damit der Baum weiter gedeihen kann, wurde er 1949/50 und 2001 geschneitelt, also wie ein Kopfbaum vollständig bis auf den Stamm zurückgeschnitten. Das ist nach Jahren nötig, damit der Baum nicht unter der Last der Krone zerbricht." Beim Kreis Borken als Naturdenkmal geschützt ist die Ulme seit 1974 .

Der Name Predigtulme lässt vermuten, dass der Baum für die Gläubigen der Region eine besondere Bedeutung hatte. Dietmar Sauermann erklärt in seinem Buch „Sagenhafte Stätten": „Häufig rasteten unter diesem Baum die Pilger auf ihrem Weg. Daher hatte man in dem Baum auf den untersten waagerechten Ästen eine Kanzel errichtet, von der die Pfarrer ihre Gebete sprachen." Am Hof vorbei führte einst ein Pilgerweg von Borken nach Wesel.

Mittlerweile verläuft die Zufahrt zum Hof Grunden auf der anderen Seite, die Predigtulme finden nur Eingeweihte. Den Weg zu dem geschichtsträchtigen Baum sollen deshalb einige Schilder weisen.