Die Erler Femeiche

Vom Gerichtsplatz zum Touristenmagnet

Kreis Borken/Erle. „Zu fällen einen schönen Baum, braucht’s eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenkt es, ein Jahrhundert“. So lautet ein Vers des deutschen Literaten Eugen Roth, der in Raesfeld-Erle schon lange Anerkennung findet.

Am früheren Ortsrand, neben dem Pfarrhaus steht die über 1200 Jahre alte Femeiche. Sie gehört zu den ältesten Eichen Deutschlands und wird seit vielen Jahrzehnten in der Liste der Naturdenkmäler im Kreis Borken geführt. Weit ragen die knorrigen Äste nach außen. Allein kann der Stamm sie nicht mehr halten.

Deshalb stützen Balken und Stahlstreben den Baum. Eine Tafel informiert über die Geschichte des Baumes. Seit Sommer 2006 erinnert außerdem ein Gerichtstisch aus Granit, auf dem ein Schwert und ein Henkersseil liegen, die Besucher an die Verhandlungen unter der auslandenden Baumkrone.

 „Während der Christianisierung Westfalens im 8. Jahrhundert stand die Femeiche noch in einem Eichenwald. Viele der Bäume wurden jedoch als Zeichen der Heidenvertreibung von den Christen gefällt. Die Erler Femeiche verschonten sie, da sie auf dem Hofe eines Pfarrhauses stand“, erklärt Klaus Werner, Vorsitzender des Erler Heimatvereins.

Die ersten niedergeschriebenen Urkunden für die Existenz der Femeiche, Verträge und ein Urteilsdokument, stammen aus dem Jahre 1363. Schon damals muss sie ein stattlicher Baum gewesen sein, diente sie doch bis ins 16. Jahrhundert als Versammlungsort für das Frei- und Femegericht, vor dem schwerwiegende Verbrechen wie Raub oder Mord verhandelt wurden. Aus dieser Zeit rührt auch der Name der berühmten Eiche. Zuvor wurde sie „Ravens-Eiche“ genannt. Der Grund: Der Rabe ist das Symbol des germanischen Gottes Odin, dem der Baum gewidmet war."

Ende des 18. Jahrhunderts soll dann ein Pastor dafür gesorgt haben, dass die in der Nähe der St.-Silvester-Kirche stehende Eiche von ihrem morschen Inneren befreit wurde und ihre ersten Stützen bekam“, berichtet Klaus Werner. Die Eiche litt damals wohl unter starken Schimmelbefall. „1819 entdeckte dann der Kronprinz und spätere König, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, den Baum für sich und ließ 36 marschfertige Infanteristen im Inneren der Eiche Stellung nehmen“, erzählt Werner eine weitere Erler Anekdote.

Und noch eine andere Geschichte illustriert die riesigen Ausmaße des Baumes: Der Bischof von Münster, Johann Georg Müller, soll regelmäßig mit weiteren Geistlichen im ausgehöhlten Stamm der Eiche, zum Umtrunk an einem runden Tisch gesessen haben. Außerdem sollen zahlreiche Festlichkeiten wie Hochzeiten und Firmungen in und unter der Eiche gefeiert worden sein.
Längst ist die Femeiche das Wahrzeichen Erles und ein Touristenmagnet. Doch die Zeit hat an dem „nur“ noch zehn Meter hohen Riesen ihre Spuren hinterlassen. „Im Winter kann man die ganze Erbärmlichkeit des Baumes sehen“, berichtet Klaus Werner.

Bereits seit über 150 Jahren wird der ausgehöhlte Stamm nun gestützt. Wie lange sich die Erler aber noch an ihrer Eiche erfreuen können, vermag auch Norbert Stuff vom Kreis Borken nicht zu sagen: „ In den 80er Jahren wurde der Wurzelbereich im Stammumfeld ausgetauscht gegen frischen durchlässigen Boden.

Das und gelegentliches Lüften und Düngen hat dem alten Baum ordentliche Zuwächse ermöglicht.“ Derzeit sei das Dickenwachstum der drei Baumfragmente – mehr ist vom Stamm nicht übrig - schneller als die Fäulnis am alten Holz. „Der Baum hat in den vergangenen 30 Jahren wieder eine geschlossene Krone gebildet und kann uns noch lange erhalten bleiben“, ist Stuff überzeugt.  Zudem verhindert ein Holzzaun rund um die Eiche, dass die zahlreichen Besucher die Erde rund um das Naturdenkmal verdichten.